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PINA – Begegnung in der Raumtiefe
 
Wim Wenders hat seine erste Begegnung mit dem Tanzheater Pina Bausch in den folgenden Worten fest gehalten: “Nein, kein Wirbelsturm war da über die Bühne gefegt. Da waren …


…Menschen aufgetreten, die sich anders bewegten, als ich das kannte, und die mich anders bewegten, als mir das je geschehen war. Schon nach ein paar Augenblicken hatte ich einen Kloß im Hals, und nach einigen Minuten ungläubigen Staunens habe ich einfach meinen Gefühlen freien Lauf gelassen und hemmungslos drauflos geflennt.”

Meine erste Begegnung mit 3D und dem Film Pina fällt ähnlich emotional aus: “Nein ich war nicht auf der Bühne, nein ich habe nicht mitgetanzt. Ich habe nur im dunklen Kino gesessen. Ich konnte den Tänzern das erste Mal ins Gesicht blicken und ihre Körper, ihre Präzision, ihre Eleganz, ihren Bewegungsreichtum aus allererster Nähe erleben. Ich konnte sie atmen hören, ihr Schwitzen sehen und die Intensität erfahren, mit der sie Ihre Rollen tanzen. Es schnürte mir die Kehle zu, als ich aus allernächster Nähe – quasi direkt vor meiner Nasenspitze - zusehen muss, wie sich die gesamte Tänzerriege in Kontakthof auf Nazareth Panadero stürzt, sie betastet, an ihr herumzupft und sie wie eine Puppe hin- und herzerrt, bis sich ihr Gesicht zu einem Weinen verzieht. Es berührte mich schmerzhaft, als mir das ängstliche Gesicht der Tänzerin aus dem Frühlingsopfer aus scheinbar 10 cm Nähe entgegenblickt. Ich bin begeistert, weil mir der Film, die 3D Technik, die Möglichkeit verschafft, dem Tanz und dem Bühnengeschehen so nah zu sein wie nie zuvor.”

Wim Wenders hat durch den Einsatz der 3D Technik mit “PINA tanzt, tanzt sonst wir verloren” eine bildgewaltige, melancholische, bisweilen humorvolle Hommage an die große Choreografin abgeliefert, die dem Zuschauer ungewohnt und manchmal ungemütlich nah kommen kann.

Der Film zeigt neben Auszügen aus Frühlingsopfer, Cafe Müller, Vollmond und Kontakthof, sparsam eingesetztes Archivmaterial von Pina Bausch bei der Arbeit. In zahlreichen kleinen Soloauftritten die in und um Wuppertal herum gedreht worden sind, reflektieren die Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles ihre Erinnerungen an Pina. Dabei wird selbst die Verkehrsinsel mitten im Alten Markt zum poetischen Ort und Wuppertal zu einer verzauberten Stadt. Pina ist Tanz, ins digitale tansformierter Tanz und kommt nahezu ohne Talking Heads aus. Selbst die kurzen gesprochenen Geschichten werden aus dem Off erzählt und liegen über den schweigenden, zumeist ernst blickenden Gesichtern der Tänzer.

Es ist beeindruckend und anrührend zu erfahren und zu sehen, wie sehr der Tanz, die Kompanie und Pina Bausch das Leben der Tänzer bestimmt. Thusnelda Mercy: “Als Tochter von Dominique und Malou war ich das erste Kind in der Kompanie. Ich bin im Tanztheater groß geworden. Das Leben ohne Pina? Ich weiß gar nicht was das ist!”

Das Tanztheater Pina Bausch existiert weiter - auch ohne die große Choreografin. Was zunächst beruhigend wirkt, macht im nächsten Moment unendlich traurig. Der Film weckt das Verlangen auf neue – zunächst namenlose – Tanzabende, auf neue verblüffende Tanzbilder und Bühnenerlebnisse. Es wird sie nicht mehr geben. Inzwischen haben alle Stücke ihren Namen erhalten. Was bleibt ist die Konservierung, die Pflege und die Wiederholung. Der Film ist großartig, er tröstet, macht aber auch den schmerzlichen Verlust deutlich, den die Welt und der zeitgenössische Tanz durch den Tod von Pina Bausch erlitten hat.

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